Bahnschienen mit Weiche im Wald, überlagert von einem vernetzten Punktemuster – Sinnbild für die Entscheidung, welche Richtung eine Organisation tatsächlich einschlägt, statt beide Wege parallel offenzuhalten
← Zurück zum Blog

Ambidextrie ist keine Ausrede für Unentschlossenheit

Beidhändigkeit braucht mehr Klarheit, nicht weniger.

Das Zögern beim Treffen von Entscheidungen ist ein interessantes Signal.

Entscheidungen kosten (oder: der Reiz des Nicht-Entscheidens)

Das kennen viele Leserinnen und Leser dieses Blogs: Immer wieder wird von ihnen verlangt, über etwas zu entscheiden. Vielleicht wollen sie auch selbst Dinge auf dem eigenen Tisch haben und entscheiden dürfen.

Aber das Treffen von Entscheidungen ist nicht immer so einfach. Jetzt wird wieder vermehrt gefordert, dass Organisationen beidhändig sein müssen. Sie müssen unterschiedliche Paradigmen beherrschen: Tagesgeschäft und Innovationen (Ambidextrie) (s. hierzu auch unsere vorangegangenen Blogartikel). Klasse, da muss man sich ja nicht von vornherein für ein Paradigma entscheiden.

Das hat auch Vorteile:

Das Treffen von Entscheidungen in unsicheren Situationen kostet Zeit und Kraft. Und stets schwingt mit, dass eine Entscheidung falsch war. Wie gut, dass wir das in Zeiten von Ambidextrie nicht mehr machen müssen. Ist das wirklich so? Oder weisen ausstehende Entscheidungen vielleicht noch auf etwas anderes hin?

Unentschlossenheit kostet mehr

Unternehmen sind immer wieder in Phasen, in denen sie ihre Produkte gut verkaufen können. Alles läuft wie am Schnürchen. Bis? Ja, bis die Produkte keine Abnehmer mehr finden. Jetzt müsste das Unternehmen in einen anderen Arbeitsmodus wechseln.

Jetzt haben wir es mit Entscheidungen aus der Vergangenheit zu tun: Wir haben einmal festgelegt, wie die Prozesse zu laufen haben, wer wofür zuständig ist und wofür wir unsere Energie einsetzen. Sich an diese Entscheidungen zu halten, kostet uns die Zukunft des Unternehmens. Duncan, March und andere weisen uns in den Artikeln über Ambidextrie darauf hin, dass wir uns nun aktiv entscheiden müssen, den Arbeitsmodus zu verändern (/1, 2/). Der Erkundungsmodus ist viel unbestimmter und lässt sich nicht von vornherein planen.

Die Unentschlossenheit kostet viel mehr:

Wer glaubt, Ambidextrie bedeutet, nichts mehr entscheiden zu müssen, erzeugt Unklarheit. Vor allem bei denen, die wissen, was zu tun ist.

Was wir wirklich brauchen, um gut und schnell zu entscheiden

Das Wort Ambidextrie leitet sich davon ab, zwei rechte – sprich zwei geschickte – Hände zu haben. Es bedeutet weder Prozesse laufen zu lassen noch mehr Prozesse auf den bisherigen Prozessstapel zu packen. Es bedeutet, eine Lage richtig zu erkennen und umzuschalten.

Grafik mit zwei Vergleichsfeldern: Oben die weit verbreitete Annahme, dass Betriebsmodus (Tagesgeschäft) und Erkundungsmodus (Innovation) einfach gleichzeitig nebeneinander laufen. Unten, was Ambidextrie tatsächlich verlangt: gezieltes Umschalten über eine gemeinsame Lagebeurteilung als Zwischenschritt zwischen Betriebsmodus und Erkundungsmodus.
Der Unterschied liegt in der mittleren Spalte: erst die Lage beurteilen, dann gezielt umschalten.

Umschalten bedeutet, dass wir nur einem Verfahren, nicht zwei Verfahren gleichzeitig folgen. (In die gleiche Kerbe schlägt übrigens Dave Snowden mit seinem Cynefin-Bewertungsrahmen /3/.)

Woher kommen die Unsicherheit und das ungute Gefühl aus dem ersten Abschnitt, die dazu führen, dass Führungskräfte ungern entscheiden?

Es fehlt der gemeinsame Bewertungsrahmen. Sind sich alle der gleichen Lage bewusst? Wenn nicht, nützen auch schnelle Entscheidungen nichts. Sie werden in der Praxis nämlich nicht umgesetzt. Wer die Lage anders sieht, wird immer Gründe finden, gegen eine Entscheidung zu handeln.

Zögern ist dann kein Mangel an Mut, sondern ein wichtiges Signal.

Wenn jemand endlich eine klare Entscheidung verlangt, können wir die Chance nutzen, um einen gemeinsamen Bewertungsrahmen herzustellen.

Das gemeinsame Beurteilen der Lage und das Durchgehen von Optionen kann man üben. Es führt zu besseren Entscheidungen, die von den Beteiligten getragen werden. /4/

Unentschlossenheit trotz Entscheidungsbedarf ist ein Zeichen für fehlende Klarheit. Klare Entscheidungen brauchen eine klare Bewertung der Lage.

Quellen

/1/ Duncan, R.B. (1976) The Ambidextrous Organization: Designing Dual Structures for Innovation. The Management of Organization, 1, 167-188, abrufbar unter https://archive.org/details/managementoforga0001unse/page/166/mode/2up

/2/ March, J. G. (1991). Exploration and exploitation in organizational learning. Organization science, 2(1), 71-87

/3/ Snowden, D. J., & Boone, M. E. (2007). A leader's framework for decision making. Harvard business review, 85(11), 68.

/4/ Endsley, M. R. (2017). Toward a theory of situation awareness in dynamic systems. In Situational awareness (pp. 9-42). Routledge.

Ihr nächster Schritt

Klare Entscheidungen statt Methodendiskussion – wir begleiten Ihre Organisation dabei

In der 60-Minuten-Diagnose schauen wir gemeinsam auf Ihre konkrete Situation. Sie gehen mit einer klaren Einschätzung und einem nächsten Schritt heraus, unabhängig davon, ob danach etwas folgt.

Jan Fischbach
Über den Autor

Jan Fischbach

Jan schreibt u. a. über Ambidextrie, Entscheidungsfähigkeit und die Frage, wann eine neue Organisationsmethode wirklich hilft. Oft klingt Beidhändigkeit nach mehr Freiheit – tatsächlich verschiebt sie oft nur eine überfällige Entscheidung in den Alltag. Jan zeigt, wie Führungskräfte den Unterschied erkennen.

Zum Profil →

Häufige Fragen zu Ambidextrie und Entscheidungsfähigkeit

Was bedeutet Ambidextrie in Organisationen?

Ambidextrie – wörtlich „Beidhändigkeit" – bezeichnet die Fähigkeit einer Organisation, zwei unterschiedliche Paradigmen zu beherrschen: das laufende Tagesgeschäft (Exploitation) und das Entwickeln von Innovationen (Exploration). Geprägt wurde der Begriff u. a. von Robert Duncan und weiterentwickelt von James March.

Warum wird Ambidextrie manchmal als Ausrede genutzt?

Weil sie so klingt, als müsse man sich nicht zwischen Tagesgeschäft und Innovation entscheiden. Tatsächlich bedeutet Ambidextrie aber, eine Lage richtig zu erkennen und zwischen beiden Modi umzuschalten – nicht, beide dauerhaft gleichzeitig laufen zu lassen, ohne festzulegen, wann welcher gilt.

Warum kostet Unentschlossenheit mehr als eine falsche Entscheidung?

Weil die vermiedene Grundsatzentscheidung nicht verschwindet, sondern in den Alltag wandert. Statt einmal zu klären, wie gearbeitet wird, diskutieren Teams dieselbe Frage täglich neu – das kostet mehr Zeit und Kraft, als eine Entscheidung zu treffen und sie notfalls zu korrigieren.

Was hat das Cynefin-Framework von Dave Snowden mit Ambidextrie zu tun?

Snowdens Cynefin-Bewertungsrahmen unterscheidet Situationen danach, wie klar Ursache und Wirkung erkennbar sind, und leitet daraus das angemessene Vorgehen ab. Er bestätigt denselben Grundgedanken wie Ambidextrie: erst die Lage erkennen, dann das passende Verfahren wählen – nicht mehrere Verfahren gleichzeitig verfolgen.

Wie finden Führungskräfte einen gemeinsamen Bewertungsrahmen für Entscheidungen?

Indem sie das gemeinsame Beurteilen einer Lage und das Durchgehen von Handlungsoptionen als Fähigkeit trainieren – etwa entlang der drei Ebenen der Situationsbewusstheit nach Mica Endsley: Wahrnehmung, Verstehen, Vorhersage. Das lässt sich üben und führt zu Entscheidungen, die von den Beteiligten mitgetragen werden.

Weitere Beiträge