„The New Normal", wie sieht die Arbeitswelt nach der Pandemie aus? Was lernen Unternehmen und Mitarbeiter:innen aus der langen Homeoffice-Phase, der rein virtuellen Zusammenarbeit und den leerstehenden Büros?
In der Reihe „Die Rückkehr ins Büro" haben wir gezeigt, dass hybrides Arbeiten durch Teams statt durch die Managementebene organisiert werden sollte (Teil 1) und dass bei der Wahl des Arbeitsorts überlegt werden muss, welcher Arbeitsmodus zum gemeinsamen Ziel passt (Teil 2). Nun gehen wir einen Schritt weiter: Bei der Wahl des Arbeitsorts gilt es auch, individuelle Lebensumstände und Persönlichkeitstypen zu berücksichtigen. Es braucht keine rigiden Unternehmensvorgaben, sondern Verantwortungsabgabe an Teams sowie deren Ausbildung, etwa zu Arbeitsmodi und Arbeitstypen.
Wie individuelle Lebensumstände Leistung und Zufriedenheit beeinflussen
Ein Forschungsteam der TU Darmstadt untersuchte, wie sich der Arbeitsort auf Zufriedenheit, Produktivität, Motivation, Work-Life-Balance und Arbeitseinsatz auswirkt. So sind etwa alleinstehende Mitarbeiter:innen im Homeoffice deutlich weniger zufrieden als verheiratete. Für junge Menschen ist die lange Homeoffice-Zeit ebenfalls schwerer, ältere Mitarbeitende haben dort einen höheren Arbeitserfolg. Gewissenhafte und verträgliche Typen tun sich im Homeoffice leichter als extravertierte. Auch große Arbeitsplätze, mehr Zimmer und eine dezentrale Wohnlage beeinflussen die Zufriedenheit.
Was lernen wir daraus? Will ein Unternehmen den Arbeitserfolg über den Arbeitsort optimieren, ergibt eine pauschale Regelung keinen Sinn. Eine unternehmensweite Quote an Büro- vs. Homeoffice-Tagen schafft zwar vermeintliche Klarheit, hemmt aber die Potenzialentfaltung.
Eine kurze Einführung zu Persönlichkeitstypen
Um Potenziale, auch mittels Arbeitsort, zu entfalten, hilft es zu verstehen, wie Menschen ticken. Um Persönlichkeiten zu erkennen, nutzen wir meist INSIGHTS MDI. Wie bei allen Diagnostikinstrumenten gilt: Kein Instrument bildet eine Persönlichkeit in all ihren Facetten ab, es hilft, grundlegende Typen zu erkennen und zu beschreiben. Vier Dimensionen werden unterschieden:
- 1) Introversion versus Extraversion
- 2) Denken versus Fühlen
- 3) Intuition versus Sensitivität
- 4) Wahrnehmen versus Bewerten
INSIGHTS konzentriert sich auf die ersten beiden Dimensionen. Daraus ergibt sich eine Matrix mit vier farbigen Quadranten; durch Kombination benachbarter Typen entstehen acht grundlegende Persönlichkeitstypen.
In welcher Arbeitsumgebung fühlt sich welcher Typ am wohlsten?
- „Blaue" Typen sind vorsichtig, besonnen, hinterfragend, strukturiert und zurückhaltend. Sie bevorzugen Rückzugsorte; ein lautes Großraumbüro ist hinderlich. Sie brauchen ausreichend Homeoffice- bzw. Stillarbeitszeiten oder „Denkzellen" im Multispace.
- „Rote" Typen agieren extravertiert, fordernd, entschlossen und willensstark. Sie scheuen weder Konflikt noch Rampenlicht; große Büroflächen mit Teamarbeit sind empfehlenswert. Im Homeoffice entfalten sie sich nur teilweise.
- „Gelbe" Typen sind umgänglich, offen, enthusiastisch und redegewandt. Sie schätzen engen Austausch; Einzelbüro oder zu viel Homeoffice wäre eher leistungsmindernd, sie brauchen Kaffeeecke und Flurfunk als Orte der Co-Kreativität.
- „Grüne" Typen sind vertrauensvoll, geduldig und entspannt. Sie bevorzugen einen klaren Rahmen und Austausch auf Augenhöhe; eine konkrete Regelung der Homeoffice-Tage ist von Vorteil, als Arbeitsorte eignen sich ruhigere Plätze.
Wer bereits über ein Multispace-Büro verfügt, kann nahezu allen Typen eine ideale Umgebung bieten. Zu klären ist jedoch, inwiefern Arbeitsplätze nonterritorial (ohne feste Plätze) sein sollen, was für eher introvertierte Typen (blau, grün) zu Unzufriedenheit durch fehlende Privatsphäre führen kann.
Wie Sie Typen erkennen und passende Arbeitsorte finden
Niemand erwartet von einer Führungskraft, ihre Mitarbeitenden psychologisch zu evaluieren. Es gilt das alte Prinzip: aktiv zuhören. Suchen Sie Einzelgespräche, schaffen Sie einen sicheren Rahmen und fragen Sie, welche Arbeitsorte bevorzugt werden und wo sich Ihre Gesprächspartner:innen am produktivsten und wohlsten fühlen, ohne die Antworten durch Suggestivfragen zu erzeugen. Teilen Sie diese Erkenntnisse im Team und lassen Sie das Team selbst lösen, wo wie gearbeitet wird. So entsteht ein eigenverantwortliches, unternehmerisch denkendes Team.
Fazit
Die Varianz an Arbeitsorten, Arbeitsmodi und Persönlichkeitstypen eröffnet neue Hebel zur Selbstorganisation, Potenzialentfaltung und Leistungssteigerung. Sie brauchen keine psychologische Ausbildung dafür, sondern ein differenziertes Verständnis von Persönlichkeitstypen, eine coachende Führungshaltung und eine geschickte Moderation des Teamdialogs. Wenn laut einer DAK-Studie 56 % der Befragten angeben, im Homeoffice produktiver zu sein, heißt das: Arbeitsorte haben Einfluss auf Produktivität. Dieses Wissen gilt es zu nutzen, nicht durch bürokratische Vorgaben, sondern indem Sie und Ihr Team bei der Suche nach passenden Arbeitsorten auf die wesentlichen Arbeitsmodi und Arbeitstypen eingehen.