Change ist unglaublich komplex und beeinflusst Unternehmen in all ihren Dimensionen: Strategie, Strukturen, Kultur, Prozesse, Beziehungen, Menschen, Raum und Führung. Trotzdem versprechen die bekanntesten Change-Management-Modelle, dieser Komplexität mit einer überschaubaren Zahl von Phasen beizukommen.
Wer Veränderung steuern will, greift fast reflexhaft zu einem der klassischen Phasenmodelle. Sie sind griffig, leicht zu vermitteln und vermitteln das Gefühl, einen komplexen Prozess in den Griff zu bekommen. Doch genau dieses Versprechen ist das Problem: Es suggeriert eine Ordnung, die der Realität von Wandel nicht entspricht. Vier dieser Modelle schauen wir uns genauer an.
Lewins 3-Phasen-Modell – Change-Management aus der Tiefkühltheke
Kurt Lewins Modell arbeitet mit drei Schritten: Auftauen, Bewegen und Einfrieren. Die Organisation wird zunächst „aufgetaut", also für Veränderung bereit gemacht, dann „bewegt", also verändert, und schließlich wieder „eingefroren", um den neuen Zustand zu stabilisieren. So eingängig das Bild ist: Es greift zu kurz und ist eindimensional gedacht. Für die komplexen Organisationen des 21. Jahrhunderts taugt dieser Dreischritt nicht.
Kotters 8-Stufen-Modell – Praxisorientiert, aber linear
Kotters Modell ist deutlich praxisorientierter, folgt aber ebenfalls einem schrittweisen, linearen Prozess. Die ersten sechs Stufen sind dabei vergleichsweise einfach zu meistern – Stufe sieben und acht hingegen können Monate und sogar Jahre in Anspruch nehmen. Gerade die nachhaltige Verankerung der Veränderung lässt sich eben nicht im gleichen Takt abarbeiten wie die ersten Schritte.
Krügers 5-Phasen-Modell – Fortschritt durch Rückschritt
Krügers Modell ähnelt klassischen Managementmethoden wie dem PDCA-Zyklus oder dem Dreiklang „Diagnose, Design, Delivery". Für Change-Neulinge ist es hilfreich, weil es eine nachvollziehbare Struktur bietet. Für erfahrene Praktiker:innen ist es allerdings weniger wertvoll – sie kennen die dahinterliegende Logik längst aus anderen Zusammenhängen.
Die Change-Kurve – Theoretisch gut
Die Change-Kurve konzentriert sich auf die emotionalen Reaktionen während einer Veränderung und zeigt die Phasen vom anfänglichen Schock über die Verneinung bis hin zur Akzeptanz. Das ist wertvoll, weil es die menschliche Seite des Wandels ernst nimmt. Eine Warnung gehört aber dazu: In der Praxis nehmen Manager:innen oft an, die gesamte Organisation bewege sich gleichmäßig durch diese Kurve. Das stimmt nicht – Menschen und Teams durchlaufen die Phasen in sehr unterschiedlichem Tempo.
Der große Change-Management-Modellabgleich
Stellt man die Modelle nebeneinander, fällt schnell auf, dass sie im Kern alle dasselbe beschreiben: Egal ob drei, fünf, sieben oder acht Phasen – jedes Modell skizziert einen Zeitabschnitt der Stabilität und Vorbereitung, eine Periode des Wandels und einen abschließenden Zeitraum der Verankerung und Stabilisierung.
Vier klassische Modelle im Vergleich
Lewin (3 Phasen)
Auftauen, Bewegen, Einfrieren – eindimensional gedacht.
Kotter (8 Stufen)
Praxisorientiert, aber linear; Stufe 7–8 dauern oft Jahre.
Krüger (5 Phasen)
Hilfreich für Einsteiger, ähnelt PDCA.
Change-Kurve
Emotionen von Schock bis Akzeptanz – aber selten gleichmäßig.
Egal ob 3, 5, 7 oder 8 Phasen – alle Modelle beschreiben Stabilität → Wandel → Verankerung.
Wie passen lineare Modelle in eine volatile Welt?
Hier liegt der entscheidende Bruch: Die Autoren haben noch keinen ernsthaften Veränderungsprozess begleitet oder beobachtet, der nach einem einfachen, linearen Schema abgelaufen wäre. Unternehmen und ihre Kulturen sind eben nicht eindimensional. Sie verändern sich gleichzeitig auf vielen Ebenen, ungleichmäßig und mit Rückschlägen. In einer VUCA-Welt – geprägt von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit – ist Veränderungskompetenz wichtiger als Veränderungsplanung.
Fazit
Die klassischen Modelle sind reine, stark abstrahierte Theorie, die Change-Neulingen zu Beginn ihrer Ausbildung Orientierung verschaffen kann. Doch diese Sicherheit ist trügerisch: Wer glaubt, mit drei bis acht Phasen einen realen Wandel steuern zu können, unterschätzt dessen Komplexität. Statt sich auf lineare Schemata zu verlassen, lohnt der Blick auf modernere, praxisnähere Konzepte des Change Managements – solche, die Veränderungskompetenz in den Mittelpunkt stellen und der Volatilität heutiger Organisationen gerecht werden.