Führungskraft kommuniziert Veränderung
← Zurück zum Blog

Mythos „Sense of Urgency"

Was Sie wissen sollten, bevor Sie in den nächsten Change starten

Der „Sense of Urgency" gilt unter Change- und Top-Managern als grundlegende Zutat erfolgreicher Veränderung. Doch in der Beratungspraxis zeigt sich regelmäßig: Das Dringlichkeitsbewusstsein wird behauptet, aber nicht gelebt – und kippt dann leicht ins Gegenteil.

Geprägt vor allem durch John P. Kotter, gilt das Dringlichkeitsbewusstsein vielen als unverzichtbare Voraussetzung für jeden gelingenden Wandel. In der Praxis zeigen sich aber regelmäßig Probleme: Topmanager behaupten Dringlichkeitsbewusstsein, ohne es durch ihr eigenes Verhalten zu zeigen. Führungskräfte formulieren ein Dringlichkeitsgefühl, das nicht ernst genommen wird oder die Organisation lähmt. Und manche Organisationen gestalten erfolgreiche Veränderungen ganz ohne ein explizit ausgerufenes Dringlichkeitsbewusstsein.

Was ist der „Sense of Urgency"?

John P. Kotter beschrieb das Konzept in seinem Werk „Leading Change". Er definiert Dringlichkeitsbewusstsein als Gegenteil von Selbstgefälligkeit – als „konstruktive, wachsame Geisteshaltung" – und grenzt es klar von Panikmache ab. Gemeint ist eine dauerhafte intellektuelle Kompetenz: ständig aufmerksam zu bleiben, Informationen zu verarbeiten, Veränderungen zu erkennen und entschlossene Maßnahmen einzuleiten.

Praxisbeispiel: Fehlerhafte Umsetzung

Ein neuer CEO eines Mittelständlers präsentierte seiner Belegschaft eine Change-Story:

„Wir haben die Zeichen der Zeit verpasst. Unser Geschäftsmodell dient uns nicht mehr. Wir brauchen neue Produkte und Dienstleistungen, möglichst digital."

Auf die gemischten Reaktionen reagierte er, indem er zurückruderte: „Nein, wir hatten und haben gute Zeiten." Genau dieser Widerspruch – ist die Veränderung nun notwendig oder bloß wünschenswert? – unterminierte das Dringlichkeitsgefühl völlig. Die Belegschaft wusste am Ende nicht, ob es brennt oder nicht.

Typische Fehler bei der Vermittlung

Fehler 1 – Fehlende Konsistenz

Klären Sie vorher, wie dramatisch die Lage wirklich ist. Die Story muss schlüssig sein – ohne ständig den „roten Dramaknopf" zu drücken. Wer die Dringlichkeit mal so, mal so darstellt, verspielt die Glaubwürdigkeit.

Fehler 2 – Fehlender Respekt für Vergangenes

Neue Initiativen verändern Strukturen, die den Mitarbeitenden wichtig sind. Zeigen Sie Respekt für die bisherigen Erfolge und machen Sie deutlich, dass auch früher Veränderungen gelungen sind. Wer die Vergangenheit pauschal entwertet, entwertet auch die Menschen, die sie gestaltet haben.

Fehler 3 – Keine Belege

Untermauern Sie Ihre Aussagen mit Zahlen, Daten und Fakten – und machen Sie diese Belege erfahrbar. Was bedeutet der Marktanteilsverlust konkret für jeden Einzelnen? Erst wenn die Dringlichkeit greifbar wird, wird sie geglaubt.

Fehler 4 – Panikmache statt Motivation

Stiften Sie niemals Unsicherheit. Panik lähmt oder führt zu Fluchtverhalten – Mitarbeitende denken dann nicht mehr mit oder aktualisieren ihre LinkedIn-Profile. Ziel ist Motivation, nicht Angst.

Merkmale eines echten Dringlichkeitsbewusstseins

Woran erkennt man, dass eine Organisation echtes Dringlichkeitsbewusstsein lebt – und es nicht nur ausruft? Vier Merkmale geben Orientierung.

Vier Merkmale eines echten Dringlichkeitsbewusstseins

1

Vorbildrolle der Top-Manager

Führungskräfte entwickeln sich selbst weiter und werden zu Veränderungsvorbildern.

2

Klarer organisationaler Fokus

Die Veränderung erhält Priorität; andere Programme werden pausiert oder beendet.

3

Interne & externe Vernetzung

Stakeholder, Expert:innen und Mitwirkende über Hierarchieebenen hinweg verbinden.

4

Ausreichende Ressourcen

Ein vollwertiges Change-Team mit Zeit, Budget, Fachkompetenz und Befugnissen.

Echtes Dringlichkeitsbewusstsein zeigt sich an vier Merkmalen – von der Vorbildrolle bis zu ausreichenden Ressourcen.

Beim ersten Merkmal geht es darum, dass die Top-Manager sich selbst weiterentwickeln und zu Veränderungsvorbildern werden. Das zweite verlangt einen klaren organisationalen Fokus: Die Veränderung erhält Priorität, andere Programme werden abgeschlossen, angehalten oder heruntergestuft. Das dritte Merkmal ist die interne und externe Vernetzung – wichtige Stakeholder, Experten und Mitwirkende verschiedener Hierarchieebenen werden verbunden, extern etwa über Recruiting, Partnerschaften oder Beratung. Das vierte Merkmal sind ausreichende Ressourcen: ein vollständiges Change-Team mit finanziellen, zeitlichen und fachlichen Mitteln sowie den nötigen Befugnissen.

Wie es nicht geht, zeigt ein Negativbeispiel: Eine Organisation mit 2.500 Mitarbeitenden plante eine umfassende Transformation – und stellte dafür nur fünf Mitarbeitende ab, die je einen Tag pro Woche Zeit hatten, neben ihren regulären Jobs. So lässt sich kein Wandel tragen.

Fazit

Dringlichkeitsbewusstsein bedeutet, entschlossen und fokussiert zu handeln, um eine Krise abzuwehren, eine Chance zu ergreifen oder notwendige Entwicklungen voranzutreiben. Als bewusstes oder unbewusstes Stiften von Unsicherheit und Panik wird es dagegen zur Bremse. Wichtig ist deshalb die Achtsamkeit bei der Vermittlung: eine schlüssige Geschichte erzählen, Belege nennen und erklären, warum sich die bisherigen Wege nicht einfach fortsetzen lassen.

„Ein echtes Dringlichkeitsbewusstsein lässt sich nicht nur an Ihren Worten, sondern vor allem an Ihren Taten ablesen."

Ihr nächster Schritt

Veränderung in Ihrer Organisation wirksam anstoßen?

In der 60-Minuten-Diagnose schauen wir gemeinsam auf Ihre konkrete Situation. Sie gehen mit einer klaren Einschätzung und einem nächsten Schritt heraus, unabhängig davon, ob danach etwas folgt.

Ingo Kallenbach
Über den Autor

Ingo Kallenbach

Ingo schreibt über Führung und die Umsetzung von Strategie. Oft ist die Richtung klar – aber im Alltag fehlt Wirkung. Ingo zeigt, wie aus Zielen konkrete Ergebnisse werden.

Zum Profil →

Häufige Fragen zum Dringlichkeitsbewusstsein

Was ist der „Sense of Urgency" nach Kotter?

John P. Kotter beschreibt das Dringlichkeitsbewusstsein in „Leading Change" als Gegenteil von Selbstgefälligkeit – als „konstruktive, wachsame Geisteshaltung", die er klar von Panikmache abgrenzt. Gemeint ist eine dauerhafte intellektuelle Kompetenz: ständig aufmerksam bleiben, Informationen verarbeiten, Veränderungen erkennen und entschlossene Maßnahmen einleiten.

Warum scheitert der „Sense of Urgency" in der Praxis oft?

Häufig behaupten Topmanager Dringlichkeitsbewusstsein, ohne es durch ihr eigenes Verhalten zu zeigen. Manchmal wird ein Dringlichkeitsgefühl formuliert, das nicht ernst genommen wird oder die Organisation sogar lähmt. Und manche Organisationen gestalten erfolgreiche Veränderungen ganz ohne ein explizit ausgerufenes Dringlichkeitsbewusstsein.

Welche typischen Fehler gibt es bei der Vermittlung?

Vier Fehler treten regelmäßig auf: fehlende Konsistenz (die Change-Story ist nicht schlüssig), fehlender Respekt für Vergangenes (bisherige Erfolge werden entwertet), keine Belege (Aussagen werden nicht mit Zahlen, Daten, Fakten untermauert) und Panikmache statt Motivation (es wird Unsicherheit gestiftet, die lähmt oder zu Fluchtverhalten führt).

Wie unterscheidet sich echtes Dringlichkeitsbewusstsein von Panikmache?

Echtes Dringlichkeitsbewusstsein bedeutet, entschlossen und fokussiert zu handeln – um eine Krise abzuwehren, eine Chance zu ergreifen oder notwendige Entwicklungen voranzutreiben. Panik dagegen lähmt die Mitarbeitenden oder führt zu Fluchtverhalten: Sie denken nicht mehr mit oder aktualisieren ihre LinkedIn-Profile. Glaubwürdig wird Dringlichkeit nicht durch Worte, sondern vor allem durch Taten.

Woran erkennt man ein echtes Dringlichkeitsbewusstsein in der Organisation?

An vier Merkmalen: Die Top-Manager gehen als Veränderungsvorbilder voran, die Veränderung erhält klare Priorität gegenüber anderen Programmen, wichtige Stakeholder und Expert:innen werden intern wie extern vernetzt, und das Vorhaben ist mit ausreichend Ressourcen ausgestattet – einem vollwertigen Change-Team mit Zeit, Budget, Fachkompetenz und Befugnissen.

Weitere Beiträge