Multidextrie – Organisationen unter Gleichzeitigkeit
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Von Gleichzeitigkeit zu Handlungsfähigkeit – Multidextrie

Wie multidextre Organisationen gestaltet werden

Wie Unternehmen lernen müssen, mehrere Spannungsfelder bewusst zu steuern. Ist Multidextrie ein passender Ansatz?

Im ersten Teil dieser Serie haben wir gezeigt, warum das klassische Verständnis organisationaler Ambidextrie für viele Unternehmen heute zu kurz greift. Die zentrale Erkenntnis: Organisationale Spannungen sind kein Ausnahmezustand und auch kein vorübergehendes Phänomen. Sie sind Ausdruck einer neuen organisationalen Realität, denn Unternehmen stehen heute vor der Aufgabe, unterschiedliche Logiken gleichzeitig produktiv zu integrieren, statt sich zwischen ihnen entscheiden zu können.

Wenn Multidextrie eine notwendige organisationale Reifeanforderung beschreibt – wie entsteht diese Fähigkeit konkret? Wie können Organisationen so gestaltet werden, dass Gleichzeitigkeit nicht zu Überforderung führt, sondern zu Handlungsfähigkeit? Genau dieser Gestaltungsfrage widmen wir uns im zweiten Teil.

Wie multidextre Organisationen entstehen

Zu verstehen, warum Organisationen multidexter werden müssen, war der erste Schritt. Die entscheidende Herausforderung beginnt danach. Denn multidextre Handlungsfähigkeit entsteht nicht automatisch. Sie entsteht auch nicht durch zusätzliche Programme, neue Abteilungen oder die Einführung einzelner Methoden.

Organisationen sind vielerorts noch immer nach einer Logik gebaut, die auf Eindeutigkeit ausgerichtet ist: klare Zuständigkeiten, stabile Prozesse, lineare Entscheidungswege und eindeutige Steuerungslogiken. Diese Logik schafft Orientierung – stößt unter Bedingungen wachsender Gleichzeitigkeit jedoch zunehmend an ihre Grenzen.

Multidextrie verlangt deshalb mehr als strukturelle Anpassung. Sie verlangt ein Organisationsverständnis, das unterschiedliche Betriebslogiken bewusst integriert, ohne die Organisation innerlich zu überfordern. Es geht um die Frage, wie Organisationsdesign, Führung und Kultur zusammenspielen müssen, damit Unternehmen mehrere Spannungsfelder gleichzeitig produktiv steuern können.

1. Organisationsdesign: Unterschiedliche Betriebsmodi statt Einheitsstruktur

Wenn Organisationen multidexter werden wollen, müssen sie ihr Organisationsdesign aus einer anderen Perspektive betrachten: nicht als starres Organigramm, sondern als Architektur unterschiedlicher Betriebsmodi. Das operative Kerngeschäft braucht Stabilität, Verlässlichkeit und klare Standards. Innovationsarbeit braucht Suchbewegung, Hypothesen und Experimente. Transformation braucht Beteiligung, Kommunikation und konsequentes Nachhalten. Kulturentwicklung braucht Dialogräume, psychologische Sicherheit und Reflexionsfähigkeit. Resilienz braucht Frühwarnsysteme, robuste Strukturen und die Fähigkeit, auf Störungen schnell zu reagieren.

Diese Modi folgen nicht derselben Logik. Sie brauchen unterschiedliche Rhythmen, Entscheidungswege und Erfolgsmaßstäbe. Organisationen geraten dort in Schwierigkeiten, wo sie für alle Aufgaben dieselbe Steuerungslogik verwenden. Multidextres Organisationsdesign bedeutet deshalb: differenzieren und integrieren. Differenzieren heißt: unterschiedliche Aufgaben brauchen unterschiedliche Strukturen, Prozesse und Entscheidungslogiken. Integrieren heißt: Diese Unterschiede dürfen nicht zu Silos, Konkurrenz oder Orientierungslosigkeit führen.

Betriebsmodus Braucht vor allem Erfolgsmaßstab
KerngeschäftOperative Wertschöpfung
Stabilität, Verlässlichkeit, klare Standards
Effizienz, Qualität, Liefertreue
InnovationNeues entwickeln
Suchbewegung, Hypothesen, Experimente
Lerngeschwindigkeit, Optionswert
TransformationWandel gestalten
Beteiligung, Kommunikation, konsequentes Nachhalten
Akzeptanz, Umsetzungsfortschritt
KulturentwicklungZusammenarbeit formen
Dialogräume, psychologische Sicherheit, Reflexion
Vertrauen, Lernfähigkeit
ResilienzAuf Störungen reagieren
Frühwarnsysteme, robuste Strukturen
Reaktionsgeschwindigkeit, Stabilität unter Druck
Fünf Betriebsmodi als strukturelles Vergleichsraster

2. Führung in multidextren Organisationen

Multidextrie verändert die Rolle von Führung grundlegend: vom Entscheider zum Integrator. In klassischen Organisationen bestand Führung häufig darin, Ziele zu setzen, Aufgaben zu verteilen, Leistung zu kontrollieren und Entscheidungen zu treffen. Diese Aufgaben bleiben wichtig. Aber sie reichen nicht mehr aus.

In multidextren Organisationen wird Führung zur Integrationsleistung. Führungskräfte müssen dafür sorgen, dass das Tagesgeschäft funktioniert, ohne Zukunftsthemen zu verdrängen. Sie müssen Innovation ermöglichen, ohne die Organisation zu überfordern, Orientierung geben, ohne jede Antwort vorzugeben, und Spannungen aushalten, ohne in Beliebigkeit zu geraten. In multidextren Organisationen besteht Führung deshalb nicht darin, Widersprüche zu beseitigen – sondern darin, Menschen durch Widersprüche hindurch handlungsfähig zu machen.

Wirkung ermöglichen
Rahmen schaffen, Spannungen halten

Richtung geben

Klarer Zweck und Prioritäten

Befähigen

Vertrauen stärken, Eigenverantwortung fördern

Ausbalancieren

Spannungsfelder aktiv steuern und integrieren

Führung als integrativer Hebel für Balance, Dynamik und Zukunftsfähigkeit.

Die Führungsrolle in multidextren Organisationen

3. Kultur: Multidextrie braucht organisationale Reife

Multidextrie lässt sich nicht verordnen. Sie braucht eine Kultur, die Unterschiede aushält und Spannungen produktiv bearbeitet. Viele Organisationen formulieren hohe Ansprüche – doch im Alltag wirken häufig andere Muster:

Deshalb ist Multidextrie immer auch ein Kulturtest. Eine multidextre Kultur braucht mehrere Fähigkeiten: Ambiguitätstoleranz, Konfliktfähigkeit, psychologische Sicherheit, Lernorientierung, Systemdenken, Verantwortungsübernahme, Dialogfähigkeit und strategische Disziplin.

4. Multidextrie darf nicht zur Überforderungsformel werden

So wichtig Multidextrie ist: Sie birgt auch ein Risiko. Sie darf nicht verstanden werden als: alles gleichzeitig, überall, immer. Multidextrie bedeutet nicht maximale Parallelität, sondern bewusste Steuerung unterschiedlicher Entwicklungslogiken. Eine multidextre Organisation kann vieles gleichzeitig – aber sie versucht nicht, alles gleichzeitig zu tun. Deshalb braucht Multidextrie auch die Fähigkeit zur Begrenzung.

Multidextrie

Bewusste Steuerung

Wenige Logiken, klar priorisiert und verbunden

Überforderung

Maximale Parallelität

Viele Initiativen, unkoordiniert, ohne Priorisierung

Multidextrie ist bewusste Steuerung – nicht maximale Parallelität.

5. Wie Organisationen multidexter werden können

Der Weg zur multidextren Organisation beginnt nicht mit einer neuen Struktur, sondern mit einer ehrlichen Diagnose. Multidextrie ist kein fertiges Modell, das eingeführt wird – sie ist ein Entwicklungsprozess in vier Schritten:

1. Spannungen sichtbar machen

Organisationen sollten ihre zentralen Spannungsfelder offen benennen – nicht als Defizit, sondern als normale Realität komplexer Organisationen. Erst wenn Spannungen sichtbar sind, können sie gestaltet werden.

2. Betriebsmodi unterscheiden

Nicht jede Aufgabe braucht dieselbe Organisationslogik. Unternehmen sollten bewusst klären, wo Stabilität, wo Experiment, wo Transformation, wo Standardisierung und wo Vernetzung gefragt ist.

3. Führung als Integrationsleistung entwickeln

Führungskräfte brauchen Fähigkeiten, um Spannungen zu moderieren, Prioritäten zu klären, Dialog zu ermöglichen und Systemverantwortung zu übernehmen.

4. Gesunde Balance institutionalisieren

Multidextrie braucht regelmäßige Reflexionsräume. Organisationen sollten prüfen, ob ihre Initiativen, Strukturen und Zielsysteme noch in einer gesunden Balance stehen. Unser Modell der gesunden Organisation ist dabei ein wichtiger Orientierungsrahmen.

1

Spannungen sichtbar machen

Spannungsfelder offen benennen

2

Betriebsmodi unterscheiden

Passende Steuerungslogik je Aufgabe

3

Führung als Integration

Spannungen moderieren, Prioritäten klären

4

Gesunde Balance

Initiativen regelmäßig auf Balance prüfen

Der Entwicklungsprozess wiederholt sich in regelmäßigen Reflexionsräumen.

Multidextrie als Entwicklungsprozess in vier Schritten

Fazit: Multidextrie als Reifegrad gesunder Organisationen

Organisationen stehen heute nicht mehr vor der einfachen Wahl zwischen Stabilität und Wandel. Sie müssen lernen, mehrere Anforderungen gleichzeitig zu bewältigen. Multidextrie ist die Fähigkeit, unterschiedliche Organisationslogiken bewusst zu unterscheiden, produktiv miteinander zu verbinden und in eine gesunde Balance zu bringen.

Für die gesunde Organisation bedeutet das: Zukunftsfähigkeit entsteht nicht durch maximale Agilität, permanente Transformation oder reine Effizienzsteigerung. Zukunftsfähigkeit entsteht durch bewusste Balance. Oder zugespitzt: Multidextre Organisationen sind nicht Organisationen, die alles gleichzeitig tun. Es sind Organisationen, die bewusst steuern, was gleichzeitig wichtig ist.

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Jens Koenen
Über den Autor

Jens Koenen

Jens schreibt über Organisation und Prozesse im Alltag. Wenn Abläufe nicht greifen, entstehen Reibung und Verzögerung. Jens zeigt, wie Arbeit wieder flüssig wird.

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Häufige Fragen zu Multidextrie

Wie wird eine Organisation multidexter?

Der erste Schritt ist keine Reorganisation, sondern eine ehrliche Diagnose. Organisationen sollten sichtbar machen, welche Logiken bereits parallel wirken, wo Spannungen offen bearbeitet und wo sie verdrängt werden, und wo zusätzliche Initiativen nur Überforderung statt Fortschritt erzeugen. Multidextrie entsteht als Entwicklungsprozess in vier Schritten: Spannungen sichtbar machen, Betriebsmodi unterscheiden, Führung als Integrationsleistung entwickeln und gesunde Balance institutionalisieren.

Was bedeutet Organisationsdesign im Kontext von Multidextrie?

Organisationsdesign wird nicht als starres Organigramm verstanden, sondern als Architektur unterschiedlicher Betriebsmodi. Kerngeschäft, Innovation, Transformation, Kulturentwicklung und Resilienz folgen jeweils eigenen Rhythmen, Entscheidungswegen und Erfolgsmaßstäben. Multidextres Design bedeutet, diese Logiken zu differenzieren, ohne dass daraus Silos oder Orientierungslosigkeit entstehen.

Was passiert, wenn alle Bereiche nach derselben Steuerungslogik geführt werden?

Dann entstehen typische Fehlentwicklungen: Innovation wird zu früh mit Effizienzkennzahlen bewertet, Transformation wie ein Projekt mit festem Enddatum behandelt, operative Bereiche werden mit Veränderungsinitiativen überlastet, und selbstorganisierte Teams verlieren die strategische Orientierung. Eine einheitliche Logik für unterschiedliche Aufgaben ist eine der häufigsten Ursachen für organisationale Überforderung.

Wie verändert Multidextrie die Rolle von Führung?

Führung wird vom Entscheider zum Integrator. Statt nur Ziele zu setzen und Ergebnisse zu kontrollieren, müssen Führungskräfte unterschiedliche Logiken miteinander verbinden: operative Leistungsfähigkeit, strategische Zukunftsthemen und kulturelle Lernfähigkeit. Die zentrale Frage lautet nicht mehr „Wie erreiche ich meine Bereichsziele?", sondern „Wie bleibt die Organisation als Ganzes leistungsfähig, lernfähig und zukunftsfähig?"

Woran erkennt man, ob die gelebte Kultur tatsächlich multidexter ist?

An der Lücke zwischen Anspruch und Alltag. Typische Widersprüche sind: Eigenverantwortung wird gefordert, aber zentral entschieden; Innovation wird gewünscht, aber Fehler werden sanktioniert; Geschwindigkeit wird betont, aber Abstimmungsschleifen nehmen zu. Multidextrie macht solche Widersprüche sichtbar – und ist damit immer auch ein Kulturtest.

Was unterscheidet Multidextrie von Überforderung?

Multidextrie bedeutet nicht, alles gleichzeitig und überall zu tun. Sie bedeutet die bewusste Steuerung weniger, klar priorisierter Logiken. Überforderung entsteht, wenn Organisationen zu viele Initiativen, Prioritäten und Parallelitäten ohne Begrenzung anhäufen. Eine multidextre Organisation kann vieles gleichzeitig – aber sie versucht nicht, alles gleichzeitig zu tun.

Welche Rolle spielt das Modell der gesunden Organisation für Multidextrie?

Es dient als Orientierungsrahmen. Es verbindet Leistungsfähigkeit, Kultur, Führung, Sinn, Resilienz und Entwicklung zu einem Zusammenspiel, in dem multidextre Strukturen erst funktionieren können. Organisationale Gesundheit ist damit keine weiche Ergänzung, sondern eine Voraussetzung für multidextre Handlungsfähigkeit.

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