Mit diesem Beitrag verlassen wir bewusst den gewohnten Stil unseres Blogs und schließen unsere Reihe „Fokus Mensch“ auf eine für uns ungewöhnliche Weise. Mit dem Thema Umgang mit Trauer im Unternehmen
Manche Themen lassen sich nicht mit Distanz und Fachlichkeit betrachten, ohne ihre eigentliche Bedeutung zu verlieren. Wir sind große Verfechter von Authentizität, auch im Geschäftsumfeld und Menschlichkeit. All das hat dieser Artikel.
Persönliche Erfahrungen dieser Tiefe öffentlich zu machen, verlangt Vertrauen und Offenheit. Gerade deshalb können sie etwas sichtbar machen, das oft abstrakt bleibt: wie sehr menschliche Ausnahmesituationen Zusammenarbeit und Arbeitsrealität aber auch und vor allem persönliches Umfeld prägen.
Wenn Menschen von Verlust, Trauer oder existenziellen Krisen getroffen werden, betrifft das nie nur Einzelne. Es verändert Zusammenarbeit, Kommunikation, Führung und den Alltag ganzer Teams.
Gerade dann zeigt sich, wie tragfähig eine Organisation wirklich ist.
Gesunde Organisation bedeutet nicht, Belastung zu vermeiden oder Menschen permanent leistungsfähig zu halten. Sondern Strukturen, Führung und Zusammenarbeit so zu gestalten, dass Menschen auch in schwierigen Situationen nicht zusätzlich beschädigt werden.
Der folgende Beitrag ist deshalb kein Fachartikel über Trauerarbeit. Er beschreibt persönliche Erfahrungen nach einem plötzlichen Verlust — und die sehr unterschiedlichen Reaktionen von Umfeld, Kolleg:innen, Führungskräften und Organisationen.
Nicht als allgemeingültige Wahrheit. Sondern als Perspektive auf etwas, das in vielen Unternehmen zwar vorkommt, aber selten wirklich besprechbar ist.
Vielleicht macht der Text nachdenklich.
Vielleicht ist er unbequem.
Vielleicht triggert er beim Ein oder Anderen tiefe Emotionen, darauf möchten wir hinweisen. Vielleicht hilft er aber auch dabei, sensibler wahrzunehmen, was Menschen als direkt oder indirekt Betroffene tragen müssen und welche Rolle Organisationen, Prozesse und die darin navigierenden anderen Menschen, dabei spielen.
Der Tod – eine Auseinandersetzung
Die meisten Menschen machen einen mentalen Bogen um den Tod. Kontrollverlust mit Ansage ist für die Mehrheit einfach zu viel. Jeder von uns musste wohl schon mit dem Schlussakkord eines Lebens umgehen: Vielleicht (Groß-)Elternteile, deren Zeit im Alter einfach gekommen war. Das berufliche Umfeld bleibt trotz jüngeren Alters nicht verschont, wenn nach Krankheit oder auch plötzlich der Kollege oder die Kollegin schlicht am nächsten Tag nicht mehr da ist. Jeder hat eine eigene Resilienz und ist aufgerufen, in diesem Rahmen einen Umgang zu finden.
Wie es den Kolleg*innen meines Mannes ergangen ist, weiß ich tatsächlich nicht 100%. Sie waren in jedem Fall zu Beginn starr vor Schock. Sie haben mir später erzählt, dass er überall fehlt, es viele, viele Gespräche gab und unzählige Erinnerungen. Als ich seine persönlichen Sachen abgeholt habe, stand immer noch ein Blumenstrauß auf seinem Platz. Die Abteilung hat sich durch seinen Tod mit Sicherheit verändert, allerdings hatte das Team immer noch sich und immer noch eine Aufgabe. Sie haben weitergemacht und später einen Ersatz auf der Position gefunden. Ich glaube, so oder so ähnlich kann es gehen, wenn eine Gruppe im Beruf gut mit Verlust und Trauer umgeht.
Was mir allerdings auch (viel später) zugetragen worden ist, dass man so gar nicht wusste, wie man mit mir als Hinterbliebene umgehen sollte. Das galt sowohl für die befreundeten Kolleg*innen meines Mannes und noch viel mehr für unseren Freundeskreis.
Der Tod – MEINE Auseinandersetzung
Ich möchte dir hier erzählen, was mir persönlich in der Schockphase wirklich geholfen hat und was nicht. Vielleicht ist das ein oder andere nützlich für dich, verbunden mit der Hoffnung, dass du es nie brauchen wirst. Mein Fokus liegt auf dem, was von außen auf mich gewirkt hat. Natürlich hat jeder Mensch seine eigene Strategie, mit Krisen umzugehen – ich kann nur von mir und meinem eigenen Orbit berichten:
Im Februar 2022 bin ich 46 Jahre alt, verheiratet, selbstständig, keine Kinder. Ich sitze bei einem Kunden zum Thema „Interne Prozesse“, als mein Handy klingelt und mir erst ein Freund und dann ein Notarzt zweimal dasselbe mitteilen: Mein Mann ist tot. In dieser halben Sekunde und seitdem verändert sich alles – mit mir, meinem Umfeld, Freunden, Familie, Job und sogar im Umgang mit dem Stromanbieter, bei dem ich später den Zähler „nur“ auf meinen Namen umschreiben will. Menschen sprechen im Trauerfall Worte, tun Dinge oder tun genau gar nichts. Fast alles geschieht aus guter Absicht, doch oft sind sie selbst hilflos oder überfordert.
Die Konfrontation mit dem Tod: Präsenz statt Floskeln
Ich habe den Tod meines Mannes als gnadenloses Katapult empfunden, das mich unvorbereitet vor vollendete Tatsachen stellt. Ohne Chance, irgendetwas daran ändern zu können. Der vollendete Kontroll- und Wirksamkeitsverlust.
Als ich dem Prokuristen und dem Geschäftsführer die Tatsache mitteile, ändert sich, was ich sofort überdimensional sehe, ihre Körpersprache. Sie tun (für mich) das einzig Richtige: Sie sind einfach nur da. Keine Fragen, kein Beileid, keine Umarmung, obwohl wir uns schon viele Jahre kennen – nur Präsenz. Ich brauche die Distanz und merke, wie gut es ist, wenn Menschen einfach nur da sind, ohne Worte oder Floskeln.
Es ist Zufall, dass ich in der Nähe meiner Ursprungsfamilie bin. Dort, ca. 30 Minuten nach der Nachricht (ich bin 280 km weg von Zuhause), verstehe ich, dass sich etwas grundlegend verändert hat und nie wieder wie früher sein wird. Dass Menschen um mich herum einfach nur anwesend sind, ist gut.
Funktionieren unter Stress mit Unterstützung
Dass ich unter Stress funktioniere, weiß ich schon lange. Trotzdem fährt mich mein Schwager zum Ort des Geschehens, weil sich alle einig sind, dass ich nicht selbst fahren sollte. Ich fühle mich, als ob ich es könnte, doch der Verstand lenkt ein. Ich sage im Laufe der Fahrt bei allen Kunden Termine ab, telefoniere den Arbeitgeber meines Mannes durch, storniere unseren Urlaub, rufe eine Freundin beim Bestattungsunternehmen an. Die erste Tsunami-Welle der Verzweiflung und Ohnmacht rollt irgendwo bei Soltau an, zweieinhalb Stunden nach der Nachricht, und ich bekomme eine Ahnung von dem, was noch kommen wird.
Mein Schwager sagt: „Wir sind immer für dich da.“ Ein machtvoller Satz, der bis heute mein Anker geblieben ist. Diese Unterstützung setzt sich fort, als es um die Formalitäten geht. Als aktiver Arbeitnehmer zu sterben, löst eine Verwaltungslawine aus, die ich massiv unterschätzt habe. Vielleicht kannst du als Support irgendwann z.B. eine Warteschleife stellvertretend aushalten…
Bedürfnis nach Alleinsein stattgegeben.
Ein Großteil meiner Ressourcen ist in den ersten Wochen mit dem Versuch beschäftigt, die Veränderung begreifen zu müssen, sowie mit der Trauer, Leere und kausaler Erschöpfung klarzukommen. In den ganz schlimmen Momenten bin ich lieber allein und weiß heute, wie furchtbar das für meinen engeren Kreis war, wenn ich sie weggeschickt habe oder nicht ans Telefon gegangen bin. Genau das auszuhalten und immer wieder zurückzuzukommen in mein Chaos, war für mich rückblickend einer der größten Dienste, die meine Freunde und meine Familie in dieser Phase für mich tun konnten.
Was mir wirklich geholfen hat: Da sein und lassen.
Geholfen haben mir weniger die Menschen, die sagten: „Melde dich, wenn du was brauchst.“ Sondern die, die einfach da waren. Eine meiner besten Freundinnen steht vor meiner Tür, mit gepackter Tasche: „Wenn du willst, bleib ich ein paar Tage.“ Sie ist die Einzige, die nicht permanent auf mich einredet, dass ich z.B. was essen muss. Sie lässt es. Lassen und da sein das waren die Haupthelfer dieser Zeit. Sätze wie „das braucht Zeit“ oder „du musst nach vorne sehen“ prallen an mir ab. Mein Favorit: „Du wirst erst später merken, für was das gut war.“ Ein Beispiel dafür, dass es Weisheiten gibt, die nicht in jeden Kontext passen.
Ein Satz war dagegen besonders hilfreich und wurde ein Mantra: „Du musst das jetzt noch nicht wissen.“ Diese Worte haben mich entlastet und haben sich zu einem Resilienz-Anker entwickelt, der heute noch da ist. Vielleicht erinnerst du dich an diesen Satz, wenn du denkst, dass du selbst oder jemand anderes ihn brauchen könnte.
Geholfen haben auch die, die auch Monate später noch vor meiner Tür standen und mich „abholen“ wollten – zum Spazierengehen, ins Kino, zum Essen. Sie haben sich nicht langfristig angekündigt, sie waren einfach da; boten Zeit an. Meistens habe ich sie genommen. Wenn ich mir heute überlege, wie viel Kraft das auch diese Menschen gekostet haben muss, komme ich in die Nähe von Demut.
Freundschaft und Unsicherheit im Umgang mit Trauer
Der Tod meines Mannes war für mich auch eine schmerzvolle Siebvorrichtung im Freundeskreis. Unsicherheit und Berührungsängste gegenüber dem Tod haben einige gänzlich davon abgehalten, sich mit mir und meiner Trauer auseinanderzusetzen. Natürlich haben auch sie einen Kollegen und Freund verloren…
Mein Appell: Ran an den Menschen! Echte Zuwendung, Aufmerksamkeit, Interesse, Schweigen und Tränen aushalten, ohne Floskeln da sein und lassen. Eigentlich ganz einfach. Man darf sich darauf verlassen, dass man es merkt, wenn jemand ein Angebot gerade nicht haben will.
Resilienz und Dankbarkeit
Resilienz ist eine komplexe Angelegenheit, ein Tuning zwischen internen und externen Ressourcen. Ich hatte das Glück, auf das Fundament meiner Familie und enger Freunde zurückgreifen zu können. Mein berufliches Umfeld hatte großes Verständnis, fast alle Projekte wurden geschoben. Ich arbeite für mich selbst am Thema Dankbarkeit: nicht dafür, dass mein Mann gestorben ist, sondern in Bezug auf den Fokus, was funktioniert hat und was ich geschafft habe. Ich merke, dass auch der Stolz darüber aus der Ferne beginnt, mir zuzuwinken. Das überrascht mich etwas.
Situationen der Bürokratie waren, trotz Hilfe, manchmal so absurd, wie sie sich kein Drehbuchautor ausdenken kann. Da half und hilft irgendwann nur noch (Galgen-) Humor.
Der Rest bahnte sich irgendwie einen Weg durch das Chaos: Nach sechs Monaten und ungezählten mentalen Molotow-Cocktails habe ich es geschafft, meinen Stromzähler in meinem Haus auf meinen Namen umschreiben zu lassen. Zwei Stromanbieter bekommen noch Rechnungen von mir für das unfreiwillige Aufzeigen von im Sterbefall mangelhaften Prozessen.

Fazit:
Trauer ist individuell und maximal chaotisch. Was mir geholfen hat sind Menschen, die einfach da sind ohne banale Sätze, ohne Erwartungen. Präsenz, Mitgefühl und das Zulassen und Aushalten der Hilflosigkeit sind die wahren Helfer. Und manchmal hilft nur Humor, um das Absurde in einer Ausnahmesituation zu ertragen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Warum ist Trauer ein Organisationsthema und nicht nur Privatsache?
Weil Verlust nie nur einzelne Menschen betrifft. Trauer verändert Kommunikation, Entscheidungsfähigkeit, Belastbarkeit und Zusammenarbeit. Organisationen zeigen gerade in Ausnahmesituationen, ob ihre Strukturen Menschen zusätzlich belasten – oder Orientierung und Stabilität geben.
Wie sollten Kolleg:innen oder Führungskräfte mit trauernden Menschen umgehen?
Oft hilft weniger Aktionismus als Präsenz. Nicht jede Situation braucht Worte, Lösungen oder sofortige Aufmunterung. Viele Betroffene erleben es als entlastend, wenn Menschen da bleiben, Unsicherheit aushalten und nicht versuchen, Schmerz sofort „wegzumachen“.
Welche Sätze helfen in Trauersituationen und welche eher nicht?
Hilfreich sind oft klare, einfache und offene Aussagen wie: „Ich bin da“ oder „Du musst das jetzt noch nicht wissen.“ Schwieriger wirken häufig Floskeln, die Sinn herstellen oder schnelle Perspektiven erzwingen wollen, etwa: „Das wird wieder“ oder „Irgendwann hat das einen Sinn.“
Was können Unternehmen konkret tun, wenn Mitarbeitende einen schweren Verlust erleben?
Hilfreich sind weniger starre Standardprozesse als tragfähige menschliche und organisatorische Reaktionen: Klarheit, Flexibilität, erreichbare Ansprechpartner, reduzierte Reibung und echte Orientierung. Gute Führung zeigt sich hier nicht durch perfekte Worte, sondern durch tragfähige Präsenz und entlastende Struktur.
Warum reagieren viele Menschen unsicher auf Trauer?
Weil Tod Kontrollverlust sichtbar macht. Viele Menschen haben gelernt, Probleme schnell lösen oder emotional entschärfen zu müssen. Trauer entzieht sich genau dieser Logik. Dadurch entstehen oft Sprachlosigkeit, Rückzug oder unpassende Floskeln – meist nicht aus mangelnder Empathie, sondern aus Überforderung.
Was bedeutet „gesunde Organisation“ in solchen Situationen wirklich?
Gesunde Organisation bedeutet nicht permanente Belastbarkeit oder perfekte Resilienz. Sie zeigt sich dort, wo Strukturen, Führung und Zusammenarbeit Menschen auch unter Druck arbeitsfähig halten, ohne zusätzlichen Verschleiß zu erzeugen. Stabilität entsteht dann durch Klarheit, Verantwortung und tragfähige Routinen.
Welche Rolle spielen Prozesse und Bürokratie im Trauerfall?
Eine größere, als viele Organisationen vermuten. Gerade bürokratische Abläufe können in Ausnahmesituationen zusätzliche Überforderung erzeugen. Deshalb wird organisatorische Qualität auch daran sichtbar, wie verständlich, menschlich und entlastend Prozesse in Krisensituationen gestaltet sind.
Was können Teams aus solchen Erfahrungen lernen?
Dass Zusammenarbeit nicht nur in stabilen Phasen bewertet werden sollte. Krisen machen sichtbar, wie tragfähig Kommunikation, Verantwortung, Führung und gegenseitige Unterstützung wirklich sind. Oft zeigt sich erst dann, ob eine Organisation nur funktioniert – oder tatsächlich trägt.
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